
Der blaue Winddrache
Tausende von Jahren bevor die Menschen mit der Jagd auf die Drachen begannen, lebten alle friedlich miteinander und hielten respektvoll Abstand voneinander.
Zu dieser Zeit schlüpfte alle 100 Jahre ein ganz besonderer blauer Drache aus seinem Ei. Er hatte blaue Knochen, die so stark durch seine Muskeln und Haut durchschienen, dass er am Himmel immer als blauer Drache glitzerte. Diese Drachengattung hatte erheblich größere Flügel als alle anderen Drachen. Mit nur wenigen Flügelschlägen kam er überall auf der Welt hin. Zudem fühlte er die Liebe und den Hass der Menschen wie eine unwiderstehliche Versuchung. Aber die wahre Besonderheit dieser Drachengattung war die Fähigkeit, das Herz der Menschen beeinflussen zu können.
Seine Bestimmung war es, den starken Hass der Menschen zu spüren, windschnell dahin zu fliegen und vor Ort sofort zu handeln. Er verfärbte den Himmel in ein wunderbares Orange und flog umher, während er stärker blau schimmerte als je zuvor. Der großartige Anblick dieses unglaublichen Naturschauspiels war für die Menschen derart überwältigend, dass jegliche Feindseligkeit sofort verblasste und verschwand. Das Herz der Anwesenden wurde von Liebe durchströmt und so erfüllt, dass kein Platz für böse Gedanken und Hass mehr übrig war.
Durch den schnellen Einsatz der blauen Drachen hatten die Menschen jahrhundertelang Frieden und Wohlstand.
Azuro
Es war das Jahr der gelben Sonne, als Azuro der blaue Winddrache, das Licht der Welt erblickte. Schon als junger Drache konnte er seine Fähigkeiten schnell entfalten und erfüllte seinen Vater immer mit Stolz. Gerechtigkeit und Werte wurden ihm zwar von seinem Vater, wie die Jahrhunderte alte Tradition es vorschrieb, beigebracht, aber es fiel schnell auf, dass Azuro unglaublich gerecht war und vor allem sein Pflichtgefühl schnell stärker wurde als bei alle anderen blauen Winddrachen vor ihm. Eine besondere Erfahrung in seiner Kindheit sollte ihn für immer prägen und seine besondere Liebe zu den Menschen nachhaltig beeinflussen.
Die Erfahrung, die ihn prägte
Azuro flog eines Tages hoch hinaus und ließ sich vom Wind treiben, als er plötzlich ein starkes Hassgefühl unweit von ihm spürte. Noch war er ein Drachenkind und nicht richtig für solche Aufgaben ausgebildet, dennoch ließ ihn das Gefühl, den Hass zu vertreiben, einfach nicht mehr los. Er flog hin und sah sich das Geschehen zunächst an.
Ein hasserfüllter Junge lief hinter einem anderen her und wollte ihn mit einem Stock verprügeln. Immer wieder kam der Verfolger so nah, dass er den Gejagten mit dem Stock haute, dann konnte dieser aber wieder entkommen. Das wiederholte sich mehrmals, bis der vordere Junge einen blutigen Rücken hatte.
Der Weg führte an einem Waldrand vorbei und plötzlich sprang ein Bär wie aus dem Nichts aus dem dunklen Wald hervor, genau zwischen die beiden Jungen. Der Verfolger wollte umdrehen und vor dem Bär fliehen, doch der Bär war einfach zu nahe und zu schnell. Er wurde am Bein gepackt und konnte nicht mehr entkommen. Der gejagte Junge sah das und hörte die verzweifelten Rufe des anderen. Er drehte sich um und lief auf den Bären los. Er wollte ihn ablenken, damit der Bär das Bein des anderen losließe und beide fliehen könnten. Doch es kam ganz anders. Der Bär drehte sich um und streckte seine Pranken nach vorne. Der Gejagte konnte nicht mehr stoppen und lief in die langen scharfen Krallen hinein. Diese durchbohrten sein Herz und er war sofort tot. Der Verfolger war nun frei und konnte weglaufen.
Doch Azuro spürte eine gewaltige Kraft, die von dem Überlebenden ausging: eine Kraft der Veränderung, der tiefen Zuneigung, des Respekts. Der ehemalige Verfolger sollte nie wieder derselbe sein. Diese Erfahrung hatte ihn für immer positiv verändert und den Drachen noch viel mehr. Azuro hat gemerkt, dass Menschen sich verändern können, dass Hass heilbar ist. Er entwickelte eine besondere Beziehung und Faszination zu den Menschen, die sein ganzes Leben prägen sollte.
Die Jahre vergingen, während Azuro immer wieder zu den Brandstellen des Hasses flog. Er konnte immer dafür sorgen, dass die Liebe das Herz der Menschen zurückerobern konnte.
Die Nacht der Nordlichter
Eines Tages spürte er weit in der Ferne eine unglaublich starke Feindseligkeit. Er flog wie immer dorthin, sah aber dieses Mal gewaltige Menschenmassen, die kurz davor waren aufeinander loszugehen, um sich hasserfüllt gegenseitig zu schlagen. Niemals zuvor hatte er eine solch gewaltige negative Energie gespürt und war wie gelähmt. Sein Vater, welcher dieses Hassgefühl auch gespürt hatte, eilte ihm zur Hilfe und gemeinsam konnten sie den gesamten Himmel verdunkeln. Dann ließen sie verschiedene Lichter erscheinen, blaue, grüne und rote Streifen, heute nennen wir diese Erscheinungen Nordlichter. Die Menschen waren von dem Naturschauspiel dermaßen ergriffen, dass sich deren Herzen wieder schnell mit Liebe füllten. Und der Friede kehrte wieder ein. Allerdings sollte es das letzte Mal sein, dass sein Vater ihm zur Hilfe eilen konnte.
Der Plan des Mazotti
Mazotti, einer der damaligen Anführer der hasserfüllten Menschen, erkannte schnell die Schwächen des blauen Winddrachen. Zum einen waren es große Menschenmengen, welche die gleiche negative Energie teilten. Zum anderen war es die Verwirrung, durch überraschende Gedankenmuster. Er wusste, nur wenn Azuro besiegt wird und für immer verschwindet, kann er endlich durch Krieg andere Völker bezwingen und sein Reich vergrößern. Daher schmiedete er einen langfristigen Plan. Jahrelang hatte er daran gearbeitet, die überlieferten Geschichten neu zu verfassen, damit die blauen Drachen als böse Kreaturen dargestellt werden, die sich negativ in das Schicksal der Menschen einmischten. Die blauen Winddrachen würden den Menschen ihren Willen aufzwingen, es gebe keine echte Freiheit. 10 Jahre später war es so weit. Die Menschen dieses Volkes waren voller Groll und wollten selbst über ihr Schicksal bestimmen, ohne den Einfluss des blauen Drachens.
Der König hatte daraufhin sein Volk aufgerufen, sich auf einem nahegelegenen Berg zu versammeln und mit bösen Gedanken den Drachen anzulocken. Dieses Mal richteten sich die negativen Gedanken aber gegen den Drachen selbst. Mazotti hatte die Hoffnung, dass diese neue Art des Hasses den Drachen völlig verwirren würde und er ihn in genau dieser Zeit töten könnte.
Das Ei
Nur einmal im Leben konnten die blauen Winddrachen für Nachwuchs sorgen. Auch bei Azuro war es so weit und er musste nun das blaue Drachenei gut verstecken. Die Winddracheneier waren blauschimmernd, mannshoch und mussten an einer sicheren Stelle aufbewahrt werden. Denn das Ei entscheidet selbst, wann es Zeit ist, zu schlüpfen. Azuro hatte es eilig und fand kein gutes Versteck. Er legte das Ei auf einen Berg und wollte es später noch einmal richtig gut verstecken.
Der letzte Flug
Azuro spürte eine Welle der Feindseligkeit der Menschen auf dem Berg, allerdings war diese auf ihn gerichtet. Sein Pflichtbewusstsein, welches ihn schon als Kind auszeichnete und ihn lebenslang begleitete, ließ ihm keine Wahl. Er konnte die Menschen nicht im Stich lassen. Wie immer war er in wenigen Minuten auf dem Berg angekommen und er traf auf eine große Menschenansammlung, gekommen aus vielen Dörfern von weit her.
Azuro war extrem verwirrt und zum ersten Mal hatte er auch Angst. Zum einen trafen ihn gute Gedanken der Freiheit, der Freiheit und der Selbstbestimmung über das eigene Schicksal. Zum anderen aber auch Gedanken über den Wunsch des Todes des blauen Drachens, über seinen Tod. Wie konnten die Menschen diese Verbindung knüpfen, wenn doch die blauen Drachen Jahrtausende lang der Innbegriff der Freiheit selbst waren? Aber die Angst kam daher, weil die wütenden Menschen sich zufällig auf dem Berg getroffen hatten, wo er sein einziges Ei abgestellt hatte.
In seiner Verwirrung, Angst und Erstaunen hatte er nicht bemerkt, dass er sich den Menschen zu viel genähert hatte und diese schon begannen auf ihn mit Pfeil und Bogen zu schiessen. Nach wenigen Augenblicken, begann er die Farbe des Himmels zu verändern nur dass es dieses Mal nicht mehr orange, sondern blutrot wurde. Er war so unglaublich schwer verwundet, so schwer.
Dennoch wollte er nicht seine letzten Kräfte dafür verwenden zu entkommen, sondern den Menschen, die er so sehr liebte, ein letztes Mal seine Kräfte zu schenken. Er bäumte sich auf und verwandelte mit seinem letzten Atemzug den Himmel orangerot und ließ türkisblaue Fäden am Horizont erscheinen. Er selbst verwandelte sich in einen tiefblauen Nebel, der sich auf alle Steine auf dem Berg niederlegte. Dort gab es sehr viele Steine in der Größe seines Eies. Mit seiner letzten Kraft hatte er die Menschen gerettet und sein Ei, welches nun wie alle Steine auf dem Berg aussah, für die Zukunft geschützt.
Die Menschen blickten zum Himmel hinauf und wie immer füllte sich deren Herz mit Liebe und sie begriffen, was sie getan hatten, aber es war zu spät. Eine unglaubliche Stille umhüllte den Berg und selbst die Vögel verstummten für einige Augenblicke. Alle Menschen senkten den Blick und schämten sich ihrer Gefühle. Inzwischen traf auch Azuros Vater auf dem Berg ein und spürte die unglaubliche Liebe der Menschen. Azuro hatte es tatsächlich geschafft, er konnte den Hass erneut vertreiben. Untröstlich über den Tod seines Sohnes wusste der Vater, dass es soweit war.
In dem Glauben, dass sein Sohn der letzte seiner Art war und die Zeit der blauen Drachen mit ihm zu Ende ging, bäumte er sich wie sein Sohn ein letztes Mal auf und mit der ganzen Kraft, zu der er als alter blauer Winddrache noch fähig war, verdunkelte er den Himmel und ließ ihn erneut orange werden. Dieses Mal erschien aber zum ersten Mal am Horizont ein großer, rot strahlender Feuerball, der ganz langsam hinter dem Horizont immer kleiner wurde. Der Vaterdrache bewegte seine mächtigen Flügel und flog gen Horizont, in Richtung dieses sinkenden Feuerballs. Es schien, als ob er sich freute hinter dem Horizont seinen geliebten Sohn wieder zu treffen und für immer vereint zu sein. Er kam nie wieder zurück.
Der blaue Berg
Den Berg gibt es noch heute, und auf ihm liegen viele mannshohe, blau glänzende Steine. Er liegt in Nigeria und wird „blauer Berg“ genannt. Nur wenige Menschen wissen, dass sich darunter auch das Ei des blauen Winddrachen versteckt, der auf den perfekten Tag wartet zu schlüpfen.
Dennoch lebt das Vermächtnis der blauen Winddrachen noch heute in jedem von uns. Immer wieder, wenn die Sonne untergeht, verfärbt sich der Himmel orangerot und die Sonne selbst strahlt feuerrot am Horizont. Wenn wir diesen wunderbaren Himmel betrachten, wird unser Herz von einer unglaublichen Liebe gefüllt, wir sind nicht in der Lage Hass zu erfinden und sind jedes Mal vom neuen beeindruckt vom gewaltigen Farbenspiel der Natur. Es ist einfach nur wunderbar und wir möchten unsere Liebsten umarmen. Azuro verabschiedet sich hinter dem Horizont und wir warten sehnsüchtig auf das nächste Mal, wenn er wieder kommt, Tausende von Jahren später lebt der blaue Winddrache in jedem von uns.
Der Drachenvater hatte gemeinsam mit seinem Sohn damit für alle Zeiten den Menschen die Möglichkeit geschenkt, immer wieder den Hass zu überwinden, auch wenn dieser Moment nur für wenige Augenblicke andauert.
In Anlehnung an diese Legende haben wir gemeinsam mit der Schmiede Laguiole Honoré Durand die Sonderedition „Blue Wind Dragon“ entwickelt. Die Biene ist dort einem Drachen mit weit ausgebreiteten Flügeln gewichen, und der Griff besteht aus blauem Giraffenknochen. Ein einmaliges Stück, entstanden aus einer Geschichte. Zur Schmiede Honoré Durand
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